Fussball, 1. Liga classic: FC Wohlen – Grasshoppers Club Zürich U21 2:2 (0:0)
Gegen starke Grasshoppers holen sich die Wohler mit Glück einen Punkt. Weil drei Stammspieler nicht dabei sind, fehlt es an Qualität. Der Trainer sitzt dabei auf der Tribüne und kann nicht eingreifen.
Quelle Stefan Sprenger, Wohler Anzeiger
In der Schlussphase kriegen die 315 Zuschauer alles zu sehen, was ein fesselndes Fussballspiel ausmacht. 89. Minute: Nicolas Künzli spielt den Ball, trifft aber auch den Gegner. Penalty. Wohl eher ein Fehlentscheid. Der Schiedsrichter kassiert dafür böse Worte von den Wohlern. Und die Wohler kassieren das 1:2. Der neuseeländische Nati-Spieler Max Mata versenkt den Penalty furztrocken. 1:2 für die Grasshoppers. Jetzt ist Feuer im Niedermatten-Dach. Im Jubel der Zürcher beginnt die Nachspielzeit. Und dort krönt Thomas Schiavano seine Leistung. Der Stürmer ist einer der besten Wohler auf dem Feld. Mit einem sehenswerten Kopf ball-Tor rettet Schiavano dem FCW einen Punkt. 2:2.
Trainer auf der Tribüne und die Abwehr am Schwimmen
Auf der Tribüne sitzt Thomas Jent. Die Schlussphase raubt ihm viele Nerven. Nach dem Platzverweis im Baden-Spiel musste er gegen die Grasshoppers von der Tribüne aus zusehen. Und von dort oben sieht man einen Fussballmatch ein wenig anders als vom Spielfeldrand. «Man sieht viele Dinge aus dieser Perspektive besser – aber ich durfte ja keinen Einfluss nehmen. Das war schwierig und doof», meint er.
Was hat er denn für «Dinge» gesehen beim 2:2 gegen GC? «Wir waren nicht mehr so aggressiv und kompakt wie beim 1:0-Sieg gegen Solothurn. Dazu gab es einige Abstimmungsprobleme.» Eines dieser «Probleme» führte nach 26 Minuten beinahe zum ersten Gegentor. Nicolas Künzli erlaubt sich einen groben Fehler. GC kann diesen nicht ausnutzen.
In den ersten 45 Minuten kann sich der FC Wohlen bei seinem Goalie Olivier Joos bedanken, dass die Null stehen bleibt. Der 23-Jährige zeichnet sich einige Male mit genialen Paraden aus. Seine Vorderleute hatten phasenweise grobe Mühe. Wohlens Abwehrspieler schwimmen des Öfteren. Captain Marko Muslin kämpft mit der Geschwindigkeit, Gianluca Calbucci bringt sich mit seiner ungestümen Art oftmals in die Bredouille, Nicolas Künzli wirkt phasenweise enorm nervös und Yannick Waser hat gröbere Mühen, das Tempo mitzuhalten.
Nach der Halbzeit drückt der FCW aufs Gas
An dieser Stelle muss man unbedingt erwähnen, dass die lückenhafte Abwehrleistung der Freiämter auch durch sackstarke Zürcher zu erklären ist. Das U21-Team der Grasshoppers ist gespickt mit einigen Spielern aus dem Challenge-League-Kader. Und dies spürt man. «GC war technisch stark, robust und aufsässig» beobachtet Trainer Jent von der Tribüne. Sein Assistent Alessandro Vicedomini übernimmt für ihn die Geschicke an der Seitenlinie und sagt: «Spielerisch ist GC eine ganz starke Truppe.»
Zu Beginn der zweiten Halbzeit hat GC aber nur wenig zu melden. Wohlen hat seine beste Phase und drückt den Gegner tief in die eigene Hälfte. Ronny Minkwitz (46.) und Nicolas Künzli (47.) vergeben beste Torchancen. Nach 61 Minuten werden die Niedermatten-Jungs für ihre Druck-Phase belohnt. Thomas Schiavano flankt zur Mitte. Dort schiebt Momo Seferi zum 1:0 ein. Der Jubel ist gross. Die Ernüchterung ebenfalls. Denn keine Minute später steht es 1:1. Der 1,72 m kleine GC-Spieler mit dem harmonischen Namen Ming-Yang Yang steht an der Eckfahne. Der Schweizer mit chinesischen Wurzeln war letzte Saison bei den Wolverhampton Wanderers in England unter Vertrag. Jetzt gehört er zum Challenge-League-Kader, doch kickt er in der 1. Liga classic. Er zeigt seine Klasse, tritt die Ecke präzise auf den Kopf von Simon Tschopp. 1:1. Alle sind sich einig: Dieses Tor darf nie und nimmer passieren.
Auch die Offensive zeigt wenig
Bei der Kritik der Abwehrspieler muss jedoch erwähnt sein, dass die Wohler auch in der Offensive nicht auf Betriebstemperatur kommen. Kreativkopf Ronny Minkwitz und auch Momo Seferi sind grösstenteils unauffällig, fast schon unsichtbar. Adijan Keranovic verheddert sich öfter. Die Stürmer Valdimiro Cuinjinca und Luiyi Lugo sind gegen GC nahe am Totalausfall. Bei Lugo ist es mit einer nicht verheilten Verletzung in der Leistengegend zu erklären, dass er kaum einen Ball sieht. «Er war angeschlagen. Schön, hat er es trotzdem riskiert», sagt Trainer Thomas Jent. Bei Cuinjinca offenbarten sich gröbere taktische Mängel. «Er hat seine Sache nicht schlecht gemacht. Aber taktisch ist er noch nicht da, wo wir ihn haben möchten», sagt Jent diplomatisch.
Jetzt Cup, dann gegen Leader
In einem Spiel, wo man in der 89. Minute in Rückstand gerät und doch einen Punkt holt, muss man zufrieden sein. Immerhin nicht verloren, lautet die Devise des FC Wohlen. Und die beiden kollegialen Clubs, die im Juniorenbereich zusammenarbeiten, trennen sich 2:2 – ganz freundschaftlich. Bei Wohlen fehlt die physische Präsenz gegen die junge Mannschaft von GC. Und: Die Abwesenheit der Stammspieler Vilson Doda, Luigi Milicaj (beide verletzt) und Esat Balaj (gesperrt) war enorm zu spüren. Auf der FCW-Bank nimmt die Qualität (nach der Stammelf ) merklich ab. Trotzdem: Gegen einen starken Grasshopper Club, der vor allem im Umschaltspiel brandgefährlich war, müssen die Wohler mit einem Punkt zufrieden sein. Nun ist Meisterschaftspause. Erst am Sonntag, 18. Oktober, geht es in der 1. Liga classic weiter. Dann reist Wohlen auswärts zum ungeschlagenen Leader Biel. Nächsten Samstag (16 Uhr) empfangen die Freiämter den SV Höngg in der 1. Qualifikationsrunde für den Schweizer Cup. Thomas Jent wird nochmals auf der Tribüne sitzen müssen.
«Sand im Getriebe»
Aus acht Spielen gab es nur drei Siege. Für ein Team, das von den Aufstiegsspielen spricht, zu wenig. Nach acht Spielen hat Wohlen 13 Punkte, steht auf dem 4. Tabellenrang. Der ungeschlagene Leader Biel hat schon sechs Punkte Vorsprung. Das Positive: Auf Solothurn und den 2. Rang (der auch zu den Aufstiegsspielen berechtigt) fehlt nur ein Punkt.
Adrian Meyer, Leiter Sport des FC Wohlen, wird gefragt, ob die Aufstiegsspiele in Gefahr sind. Der FC Wohlen zeigt teilweise markante Schwächen. Meyer sagt: «Wir wissen, dass Sand im Getriebe ist.» Er erklärt auch gleich, weshalb: «Etliche Leistungsträger können aus verschiedenen Gründen ihr Potenzial nicht abrufen. Das ist offensichtlich.» Trotzdem: Bislang hat Wohlen erst einmal (1:2 gegen Baden) verloren. «Ausser dem FC Biel zeigt sich keines der Spitzenteams sonderlich souverän. Wir werden auch wieder auf die Spur kommen. Solche Situationen, wo es eben nicht ganz rund läuft, gibt es eben im Fussball», so Meyer. Man müsse jetzt Spiel für Spiel nehmen und positiv bleiben. «Was im Frühling ist, werden wir sehen. Die Qualität ist auf jeden Fall vorhanden.»
Das 2:2 gegen die U21 der Grasshoppers schätzt «Tschadi» Meyer wie folgt ein: «Es war der erwartet spielstarke Gegner. Wir haben GC teilweise zu viel Raum gelassen. In der ersten Halbzeit hielt uns Goalie Olivier Joos mit einigen Glanzparaden im Spiel. Ärgerlich sind die beiden Gegentore, bei denen wir uns wieder naiv anstellen. Positiv ist, dass sich die Mannschaft nach dem Rückstand nicht aufgegeben hat.»
Übrigens: In der letzten Saison holte der FC Wohlen gegen die Teams aus Solothurn und GC keinen einzigen Punkt. Jetzt sind es vier Punkte gegen diese Gegner. «Die Unentschieden gegen Schötz, Goldau und Bassecourt nerven deshalb umso mehr», so Meyer. –spr