Die jungen Wilden beissen zu

Fussball, Cup-Qualifikation, 1. Liga: FC Wohlen – SV Höngg 4:1 (2:0)

Wohlen holt souverän einen 4:1-Sieg gegen den SV Höngg. Besonders positiv ist der Auftritt von Nicolas Künzli und Batuhan Karadeniz, den beiden jüngsten Wohlern auf dem Feld. Mit einer Roten Karte gibt es einen Wermutstropfen.

Quelle: Josip Lasic, Wohler Anzeiger

Schock für den FC Wohlen. 20. Minute: Flügelstürmer Vilson Doda bleibt liegen. Der Offensivmann hat die letzten zwei Spiele verletzungsbedingt gefehlt. Nach 20 Minuten Comeback hat er erneut Schmerzen und muss raus. Alessandro Vicedomini, der den gesperrten Trainer Thomas Jent auf der Bank vertritt, blickt sich auf der Ersatzbank um. Seine Optionen: der routinierte Luigi Milicaj, der zuletzt angeschlagen war. Valdimiro Cuinjinca, der schon 90 Spiele in der 1. Liga auf dem Buckel hat. Und Batuhan Karadeniz, 21 Jahre alt, bisher nur mit fünf Teileinsätzen in der 1. Liga, in denen er insgesamt auf nur zwölf Minuten kommt. In dieser Saison war er in vier von acht Meisterschaftsspielen der Wohler nicht im Kader. In den restlichen vier wurde er nur einmal eingewechselt – für sechs Minuten.

Ausgerechnet ihn wechselt Vicedomini ein. «Ich hatte ein gutes Gefühl. Er war in letzter Zeit mit der 2. Mannschaft unterwegs und hat gute Leistungen gebracht. Deshalb wollte ich ihm die Chance geben», sagt Vicedomini. Das Bauchgefühl soll sich bestätigen. Karadeniz rennt unermüdlich. Er stört den gegnerischen Goalie und die Abwehrspieler, zwingt sie zu überhasteten Pässen, die meist in den Reihen des FCW landen. Das Team freut sich über die Leistung von «Batu», wie sie ihn nennen. Die Mitspieler versuchen, ihn noch stärker ins Spiel einzubinden. Kurz vor der Halbzeitpause kommt Wohlen zu einem Freistoss. Adijan Keranovic ruft: «Lasst Batu schiessen.» Am Ende gehen die Freiämter doch auf Nummer sicher. Momo Seferi zirkelt den Ball knapp über die Latte.

Zur Pause steht es 2:0 aus Sicht der Wohler. Noch vor der Einwechslung von Karadeniz hat ein anderer junger Mann auf sich aufmerksam gemacht. Innenverteidiger Nicolas Künzli ist mit seinen 20 Jahren der einzige jüngere Wohler auf dem Feld. 11. Minute: Seferi tritt einen Eckball. Künzli steigt am höchsten und köpfelt zum 1:0 ein. Nach 41. Minuten kommt es zu einem kuriosen Treffer. Höngg-Goalie Leon Merkas will den Ball nach einer Rückgabe nach vorne kicken. Auf dem holprigen Niedermatten-Rasen trifft er das Leder so unvorteilhaft, dass er es nach hinten ins eigene Goal lenkt.

Wechselbad der Gefühle

In der 2. Halbzeit haben erneut Karadeniz und Künzli die Hauptrollen. Zuerst rückt der schweizerisch-türkische Doppelbürger in den Fokus. Zwischen der 50. und 55. Minute erlebt Karadeniz ein Auf und Ab der Emotionen. Zunächst rutscht er an einem Querpass vorbei und verpasst es, auf 3:0 zu erhöhen. Im Gegenzug erhält Höngg einen Freistoss. Dalibor Stojanov schiesst. Karadeniz dreht sich in der Mauer ab und lenkt den Schuss unhaltbar für Keeper Joos ins Tor. Nur noch 2:1. Aber nicht lange. Anspiel Wohlen. Angriff. Karadeniz – wer sonst? – im Strafraum am Ball. Foul. Penalty. Ausführen wird: der Gefoulte. Und das trotz dem ungeschriebenen Fussballgesetz: «Der Gefoulte soll nicht selbst schiessen.» Der 21-Jährige: «Ich habe mich sehr sicher gefühlt. In der Hierarchie wären eigentlich Marko Muslin und Ronny Minkwitz als Schützen dran gewesen», sagt der Stürmer. «Ich habe sie gefragt, ob ich den Penalty übernehmen darf.» «Batu» darf und verwandelt zum 3:1.

Alle freuen sich mit Karadeniz

In der 74. Minute wechselt der Fokus wieder zu Nicolas Künzli. Wieder Eckball, wieder Flanke Momo Seferi. Diesmal trifft Künzli nicht per Kopf. Nach einem Durcheinander im Strafraum reagiert er aber am schnellsten und erzielt das 4:1. Sein fünftes Saisontor. Damit überholt der Innenverteidiger den Stürmer Thomas Schiavano in der internen Torschützenliste. «Ich bin froh, wenn ich dem Team so helfen kann», äussert sich der rothaarige Riese bescheiden. «Ich bin auch froh, wenn ich das mit einer guten Abwehrarbeit tun kann.» Künzli richtet noch ein grosses Lob an seinen Mittorschützen: «Schön, dass Batuhan seinen Einsatz mit so einer guten Leistung und einem Tor krönen konnte.» Mitspieler und Trainer freuen sich darüber, wie der junge Mann seine Chance genutzt hat. Und Karadeniz: «Ich bin dem Trainerteam dankbar, dass ich die Gelegenheit zu spielen bekommen habe.»

«Für mich ist das der Horror»

4:1-Sieg, starke junge Spieler. Eigentlich gibt es beim FC Wohlen viel Grund zur Freude. Doch ein Wermutstropfen ist da, ein sehr grosser.

In der 78. Minute fliegt Ronny Minkwitz mit einer Roten Karte vom Platz. Er läuft allein auf Höngg-Goalie Leon Merkas zu. Den Ball legt sich der 26-jährige Deutsche etwas zu weit vor. Merkas rutscht raus, um den Ball abzufangen. «Ich habe versucht, den Ball noch an ihm vorbeizulegen», sagt Minkwitz. Er kommt zu spät. Der Wohler und der Goalie stossen zusammen. Handgemenge, Rudelbildung, Aufregung – und am Ende der Platzverweis für Minkwitz. «Ich habe gar nicht kapiert, worum es geht», sagt der vermeintliche Übeltäter. Der Goalie hatte den Ball nicht in der Hand. Minkwitz hatte eindeutig die Absicht, den Ball zu spielen. Eine harte Entscheidung. Und Minkwitz weiss nicht, wie ihm geschieht. «Gleich nach der Aktion wurde ich von gefühlt zehn gegnerischen Spielern belagert. Der Schiedsrichter sprach nur Französisch. Was soll ich da noch diskutieren?»

Trainer Thomas Jent klärt auf. Merkas bricht sich bei dieser Aktion das Jochbein. Der Schiedsrichter wirft Minkwitz vor, die Verletzung in Kauf genommen zu haben. Für den Coach eine Hiobsbotschaft. «Das ist der Horror. Ich hätte lieber gegen Höngg verloren, dafür Ronny in Biel mit dabei.» Dort werden Minkwitz und Lugo ganz sicher fehlen. Vilson Doda und Luigi Milicaj sind fraglich. Der Rotsünder unterdessen hadert ein wenig. «Wenn sich der Goalie so wehgetan hat, dann tut mir das unendlich leid. Das wollte ich nicht und ich akzeptiere die Rote Karte. Wenn man aber betrachtet, was an Penaltys diese Saison schon gegen uns gepfiffen wurde oder die Rote Karte für unseren Trainer – ich vergleiche es mit meiner Zeit in England», so der Ex-Fulham-Spieler. «Da wurden nicht jeder Mist abgepfiffen und den Teams Steine in den Weg gelegt.»


«Müssen Maximum abrufen»

Trainer Thomas Jent warnt davor, das Spiel überzubewerten

Die Spieler des SV Höngg verlassen die Kabinen des Niedermatten-Stadions. Unter dem Gemurmel kann man heraushören, wie ein Höngger sagt: «Am Ende waren sie einfach besser.» Treffender lässt sich das Spiel nicht beschreiben.

Wohlen war eine Klasse besser. Die Freiämter hätten trotz hohem Sieg noch deutlicher gewinnen können. Deshalb wollen die Wohlen-Trainer auch das Resultat nicht überbewerten. Co-Trainer Alessandro Vicedomini: «Wir sind eine Runde weiter. Über das ‹wie› müssen wir jetzt nicht sprechen. Es wäre mehr möglich gewesen.» Auch Cheftrainer Thomas Jent, der wegen seiner Sperre die Partie erneut von der Tribüne verfolgen musste, ist dieser Meinung: «Ich war in diesem Spiel viel entspannter als noch gegen GC U21. Es war ja von Anfang an klar, wie es läuft.»

Eigene Ansprüche hochhalten

Der Trainer ignoriert dabei nicht, dass sein Team immerhin mit 4:1 gewonnen hat. «Es war nicht schlecht. Das Resultat ist gut für das Selbstvertrauen, wir haben wenig zugelassen und sind eine Runde weiter», so Jent. «Wir wollen uns nicht schlechtreden, aber wir dürfen auch unsere Ansprüche nicht runterschrauben.»

Der Trainer führt das vergangene Spiel gegen die U21 von GC als Beispiel an. Die Zürcher seien ja auch gut gewesen und ein 2:2 wäre ja okay, habe er oft gehört. «Nein. Wir können doch sagen, dass wir in diesem Spiel nicht gut waren. Mit unserem Kader und unseren Ansprüchen war das zu wenig. Wir dürfen nicht mit dem Minimum zufrieden sein, sondern müssen unser Maximum abrufen.» Jent warnt deshalb davor, mit dem 4:1 im Gepäck nach Biel zu reisen und zu glauben, dass alles unproblematisch werde. «Denken wir, dass wir die Geilsten sind wegen diesem 4:1, dann wird das nicht gut ausgehen. Denn die Leistung heute ist für einen Gegner wie Biel noch nicht ausreichend.» Der Coach hat jetzt eine Woche Zeit, sein Team auf den ungeschlagenen Tabellenführer einzustellen. Die Partie findet am kommenden Sonntag, 15 Uhr, in Biel statt.

Das nächste Cup-Qualifikationsspiel der Wohler lässt länger auf sich warten. Am Wochenende vom Sonntag, 21. März 2021, trifft der FCW auswärts auf La Chaux-de-Fonds. –jl